re:publica TEN – Jubiläum!

von Tobias Penne
31.05.2016

Hurra – die re:publica wird 10! Grund genug nach Berlin zu reisen, um an diesem denkwürdigen Jubiläum teilzunehmen. Die Zahlen sprechen für sich: 850 Speaker aus 60 Ländern, sorgten dafür, dass teilweise bis zu 19 Sessions gleichzeitig statt fanden. Nikolas und Tobias waren dabei! 

„Wir sind zufrieden damit, wenn Aktivität simuliert wird.“

… so eine der Thesen von Autor, Philosoph und Mathematiker Gunter Dueck, der mittlerweile zum festen Speaker-Inventar der re:publica zählt. Sein erfrischend unterhaltsamer und provokanter Vortrag „Cargo-Kulte“, handelt vom Verhalten der Einwohner Melanesiens, einer Inselgruppe nordöstlich von Australien. Im zweiten Weltkrieg diente der Inselkomplex den US-amerikanischen Streitkräften als Stützpunkt. Die melanesischen Bewohner beobachteten die fremden „Besucher“ und fingen an, deren Verhaltensweisen zu imitieren und deren Bauten, wie Landebahnen und Towergebäude, zu kopieren. Dadurch erhofften sie sich die Gunst ihrer Ahnen, die in Form von Nahrung (ganz wie die Versorgung und der Nachschub für die US-Truppen), vom Himmel fallen sollte.

Jene unsinnigen Verhaltensweisen stellt Dueck auch in modernem Kontext fest, sei es in Wissenschaft, Politik oder im Management. Wir bedrucken Tassen mit Slogans wie „WIN!“ und organisieren Brainstormings und Design-Thinking Workshops, in der Hoffnung, dadurch endlich kreativ zu werden. Von Leuchtturmprojekten erhoffen wir uns Innovation. Am Ende passiert oft nichts. Wenn sich all diese Maßnahmen nicht in Wirkung entfalten lassen, bleibt am Ende nicht mehr, als das beruhigende, wohlige Gefühl, wenigstens irgendetwas getan zu haben.

Den Mitschnitt findet ihr hier.

What is behind the new Migrations: A massive Loss of Habitat

Mit ihrem Vortrag "What is behind the new Migrations: A massive Loss of Habitat" erörterte Saskia Sassen, Professorin für Soziologe und Wirtschaft (Columbia University in NYC und London School of Economics) das Thema Migration aufgrund des Verlusts von Lebensraum. Neben den beiden großen "bekannten Migrantengruppen", den Flüchtenden vor Krieg und Gewalt und denjenigen, die ihre eigenen bzw. familiären (wirtschaftlichen) Lebensumstände verbessern wollen, existiert eine dritte große und rapide wachsende Gruppe - aktuell ca. drei Millionen Menschen pro Jahr. Diese Gruppe umfasst Menschen, die fliehen müssen, weil ihnen der Lebensraum schlicht weggenommen bzw. entzogen wird.

Während für Kriegsflüchtlinge geltendes Recht und entsprechende Strukturen (z. B. UNHCR) vorhanden sind, ist dies bei der neuen Gruppierung nicht der Fall. Sie sind quasi "unsichtbar" für die Gesellschaft und haben keinerlei Lobby.

Saskia Sassen zeichnete ein scharfes Bild von verschiedenen Bereichen der Welt, z. B. aus Zentralamerika, vom Uralsee, aus Indonesien, etc. Es existieren aber genügend Beispiele von jedem Kontinent dieser Welt!

Gründe dafür sind vielfältig: Exzessiver Bergbau, Plantagen, Viehzucht, Klimawandel (Saskia Sassen spricht von "dead land, dead water"), etc. Eines haben aber nahezu alle Beispiele gemein: Wenn man die Kausalkette weit genug zurückverfolgt, dann stehen als Verursacher immer wirtschaftliche Interessen von Regierungen und Konzernen im Rampenlicht, denen das Schicksal der Menschen vollkommen gleichgültig ist.

Das Video des gesamten Vortrags findet ihr hier.

Gesellschaft – it’s broken, let’s fix it!

Im Eröffnungspanel begegneten sich Frank Richter, von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Carline Mohr, ehemals Head of Social-Media bei Bild.de, Theaterdramaturg und Regisseur Falk Richter sowie Fabian Wichmann von der Aussteigerinitiative EXIT, um gemeinsam über Strategien für ein besseres gesellschaftliches Miteinander zu sprechen. Was passiert da, außerhalb unserer Filterbubble? Woher kommt der Hass und die Wut, wenn es um das Thema „Flüchtlinge" geht? Was steckt hinter dem PEGIDA-Komplex? Und wie gehen wir mit denen um, die sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs bereits verabschiedet haben?

Theologe Frank Richter fordert eine Stärkung von sog. weichen Bildungsbereichen, wie etwa kultureller, ethischer, religiöser und politischer Bildung. Diese generieren sich nicht von selbst, sondern müssen von unten wachsen. Ebenso scheinen ihm Empathie und Perspektivwechsel, welche im vorpolitischen Bereich aufgestellt werden, die elementaren Säulen unseres Zusammenlebens zu sein. Carline Mohr berichtet von ihrer Arbeit als Social-Media-Chefin bei Bild.de und dem täglichen Umgang mit Hasskommentaren, während Regisseur Falk Richter Einblicke in sein Theaterstück „Fear“ gewährt, welches sich auf kritische Weise mit den Führungspersonen der AFD auseinander setzt. Das Stück sorgte 2015 für Aufmerksamkeit, da sich Beatrix von Storch dafür ausgesprochen hatte, das Stück gerichtlich verbieten zu lassen. Ohne Erfolg.

Vom wohl unkonventionellsten Ansatz, sich dem Thema zu nähern, berichtete Fabian Wichmann von der Aussteigerinitiative EXIT. Auf der Suche nach immer neuen und selbstwirksamen Zugangswegen gegen Rechts, entstand die Strategie „Rechts gegen Rechts". Dabei handelt es sich um eine Spendenaktion, bei der auf fremdenfeindlichen Demos, die Teilnehmer gegen sich selbst spenden. Für jeden marschierten Meter werden von festgelegten Unternehmen und Privatpersonen 10 Euro an EXIT gespendet. Erstmals angewendet wurde diese neuartige Strategie im Jahr 2014. Mittlerweile hat sich die Mechanik auch ins Netz übertragen. So können beispielsweise Hasskommentare auf Facebook gemeldet und ebenfalls in Spenden umgewandelt werden.

Den Talk auf YouTube findet ihr hier.

Schichtwechsel: Von Designsprache zu Designkultur – vom Designer zum Entscheider

Ist Design in einer global vernetzten Welt eigentlich noch Selbstzweck und ein engstirniges Experten-Thema?
Um diese These ging es in einer Podiumsdiskussion, am zweiten re:publica-Tag. Zu Gast waren:

  • Designer Markus „Kosmar“ Angermeier @kosmar
  • Prof. Torsten Stapelkamp von der Hochschule Hof
  • Andre Hansel, Produktmanager bei Microsoft
  • Illustratorin Isa Lange @stadtmaulwurf

Die Runde diskutierte u.a. über Intuition, soziale Verantwortung, Frustrationstoleranz sowie über das Rollenbild des Designers im Unternehmen.

Unterm Strich wurde die Diskussion, zumindest Anfangs, ihrem spannungsverheissendem Titel nicht wirklich gerecht.
Abgesehen von Torsten Stapelkamp, der ein paar interessante Thesen zu Intuition und Design verlauten ließ, glich die erste Hälfte eher einer lockeren Vorstellungsrunde. Etwas aus der Reihe fiel Isa Lange, die neben ihrem Job als Pressesprecherin, ihrer Leidenschaft, dem Illustrieren nachgeht. Sie kreiert Zeichnungen zu aktuellen Nachrichten. Um Inne zu halten, um zu fokussieren und um dem Bild die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken. Dies sei nötig in einer Zeit der Reizüberflutung, der wir tagtäglich ausgesetzt sind. Ihre sehr sehenswerten Arbeiten findet man auf Twitter via #docuimage.

Aber zurück zur Intuition. Torsten Stapelkamp ging es vor allem darum, mythischen Begriff des „intuitiven Interface“ zu entzaubern.

„Das intuitive Interface-Design ist nicht unbedingt das bessere Interface-Design.“

— Torsten Stapelkamp

So wird der Begriff Intuition, laut Stapelkamp, im Zusammenhang mit Design oftmals in falschen Zusammenhang gesetzt. Das Interface, dass uns als intuitiv und daher leicht erscheint, ist ein Interface, das wir leicht erlernen können. Funktionen ergeben sich durch den Menschen. Als Beispiel hierfür diente die mittlerweile gängige Geste des Vergrößerns auf Touch sensitiven Devices, durch das spreizen zweier Finger (z.B. bei Fotos auf einem Smartphone). Zwei oder dreimal gesehen, haben wir diese Funktion verinnerlicht und gelernt. Dies werde oft für einen intuitiven Vorgang gehalten, der in Wahrheit aber erst von uns gelernt werden musste.

Weiterhin ging es um die heutige Rolle des Designers. Stetig wachsende Ansprüche an Produkte, lassen diese immer komplexer werden. Das führt dazu, dass agile Arbeit in immer wieder neu zusammengesetzten Experten-Teams, immer häufiger und wichtiger wird.

Schließlich sollte der Talk seinem Titel „vom Designer zum Entscheider“ doch noch gerecht werden. Dazu formte Stapelkamp sein Bild eines modernen Designers, der im Gegensatz zum Stylisten oder Dekorateur, nicht nur gestaltet, sondern auch hinterfragt und analysiert. Aus seiner Erfahrung, braucht es neben Selbstbewusstsein und Standing, auch ein Bewusstsein dafür, sich als Mitentscheider zu verstehen. Seiner Meinung nach besitzen Designer oft nicht die gebührende Relevanz, obwohl Kaufentscheidungen stark von Preis und vor allem vom Design abhängen. Das Bewusstsein, sich als Entscheider zu verstehen, um letztlich auch entsprechende Positionen einzunehmen, gibt er seinen Studenten schon in der Ausbildung mit.

Auch zu finden auf YouTube.

Unser Fazit

Wie sagt man: "Immer eine Reise wert". So könnte unser Fazit zur zehnten Ausgabe re:publica lauten. Dank vorbildlicher Organisation, einem Händchen in der Speakerauswahl, großer Themenvielfalt und einer Super-Location, hatten wir zwei tolle, abwechslungsreiche Tage in Berlin. So toll, dass wir im nächsten Jahr auch mit Sicherheit wieder dabei sein werden. Auf die nächsten Zehn!