Neoskop goes "europe" auf der re:publica15

von Nikolas Fleischhauer
08.05.2015

Für zwei Tage ist Neoskop auf der re:publica15 in Berlin vor Ort gewesen und in das umfangreiche Programm von Deutschlands größter Internet-Konferenz eingetaucht. Unter dem Motto "finding europe" fanden zahlreiche "Talks", "Discussions", "Workshop" und reichlich "Action" statt – parallel auf 17 Stages. 

The System is broken …

"Optimismus trotz Stillstand", so bringt Juliane Löffler auf der Website der Zeitung derFreitag die Stimmung innerhalb der Netzgemeinschaft treffend auf den Punkt. Oder wie Ethan Zuckerman es als Titel seines Vortrags formuliert hat: "The system is broken, and that´s the good news".

Neben den üblichen digitalen Gesellschafts-, Technologie- und Business-Themen, wurde auch viel Politisches thematisiert - insbesondere natürlich im europäischen Kontext. Ach ja, die MEDIA CONVENTION, und somit auch Kai Diekmann und seine Freunde, waren diesmal fester integraler Bestandteil der Veranstaltung und mit dem Economy Ticket ebenfalls zugänglich. Das ist natürlich bestenfalls ein zweischneidiges Schwert. Die thematische Ausrichtung der re:publica15 lässt sich anhand nachfolgender Vortragsbeispiele ganz gut umreißen.

Journalismus: Virtuelles Storytelling, Immersive Journalism

Immersive Journalism als eine neue Form von non-fictional storytelling "combines elements and techniques from multiple disciplines to make you feel like you are somewhere else – to put you 'on the scene' of a news or a non-fiction story". Es geht um virtual reality – kombiniert mit Hightech, realem Content von z. B. Überwachungskameras oder Notrufen sowie Kooperationen mit Medien-Organisationen oder Journalisten – um reale Situationen nachzustellen. Gesellschaftlich relevante reale Situationen, an denen z. B. kein Journalist beteiligt ist oder war und bislang auch keine geeignete und angemessene Berichterstattung stattgefunden hat.

James Pallett zeigte in seinem Vortrag "Immersive Journalism: Using virtual reality for news and nonfiction" beispielhaft, wie reale Situationen (z. B. die Ermordung von Trayvon Martin durch einen Bürgerwehr-Irren oder die Gefängnisse der Guantanamo Bay Naval Base) durch virtual reality befremdlich real erlebbar gemacht werden können. Dabei ist ein Ziel, glaubhafter Berichterstattung durch Journalisten ex post ein Fundament zu bereiten, und so relevante Themen und Sachverhalte (zurück) in den Fokus der Öffentlichkeit zu holen.

Online-Video-Markt: Was wird aus YouTube? Wohin entwickelt sich der Wettbewerb mit Facebook, Vine, Snapchat und Co.?

Nach einer kurzen Keynote vom Berliner Staatssekretär Björn Böhning gab Bertram Gugel in seinem Vortrag "Flüchtige Macht - YouTube im Kreuzfeuer. Facebook und Co. greifen an" aktuelle Einblicke in die aktuelle Situation von YouTube und dessen Wettbewerb sowie Entwicklungen innerhalb des Online-Video-Marktes insgesamt seit 2013. Für YouTube war das Jahr 2013 das Jahr überhaupt. Alle anderen Video-Plattformen waren weit abgeschlagen. Das Thema schien für die "Marktbegleiter" gelaufen, die Marktmacht von YouTube war einfach zu groß. Aktuell gerät YouTube jedoch verstärkt unter Druck. Wie konnte die Situation so schnell kippen? Dazu führen diverse interne und externe Faktoren, der Wettbewerb mit Facebook, Snapchat, Vine, etc. hat sich gewandelt. Dieses Szenario hat Bertram Google in seinem Vortrag sehr anschaulich verdeutlicht. Insgesamt bleibt das Rennen spannend, denn während aus Produkt- und Featuresicht die Wettbewerber inzwischenaufgeholt haben, hat YouTube als Einziger die wirklich großen Hausaufgaben (z. B. das Rechte-Thema) in den letzten Jahren erledigt. Insgesamt werden 2015 und 2016 für "Online-Video" wohl sehr interessante und vielversprechende Jahre.

Den Audio-Stream des Vortrags (noch kein Video available) gibt es hier: Flüchtige Macht - YouTube im Kreuzfeuer. Facebook und Co. greifen an.

Und immer wieder auch „Privacy and Security” ...

Sehenswerter Talk dazu war die Keynote "Conversation on Security at Google" mit Jilian York und dem Google "Sicherheitschef" Eric Grosse, dessen Meinung nach die Welt - zumindest hinsichtlich Online-Security - in den letzten Jahren ein bisschen besser geworden ist. Eric Grosse berichtete von Googles Herausforderungen und Erfolgen in den Bereichen Security, Privacy und Encryption. Sein Team bei Google ist in den vergangenen Jahren von 30 auf 500 Personen gewachsen - und das nicht ohne Grund.

Mikko Hypponen von F-Secure fragte: "Is our online future worth sacrificing our privacy and security?", und problematisierte damit die Monetarisierung von persönlichen Daten durch Konzerne wie Google, Apple, Facebook, etc. Absolut nicht illegal, da wir ja alle freiwillig für "freie" Services unsere Daten preisgeben. Aber ist das Geschäftsmodell "zu beobachten, was wir machen" wirklich richtig und zeitgemäß? Inzwischen sind die Dimensionen ja relativ spektakulär: Google gibt pro Quartal mehr als zwei Milliarden USD aus - für die eigenen Data Center. Google ist auch zum viertgrößten Server-Hersteller der Welt geworden. Ohne einen einzigen davon zu verkaufen! Und Facebook hat mit WhatsApp für 22 Milliarden USD letztlich eine sehr lange Telefonnummer-Liste von Facebook-Usern erstanden - um in der echten Welt gekaufte Profildatensätze mit den entsprechenden Facebook User-Profilen zu verknüpfen.

Das Video zum Vortrag von Mikko Hypponen gibt es hier:

It is all about Europe!

Mit ihrem Vortrag "The European Republic is under Construction" entzündete eine kluge und leidenschaftliche Ulrike Guerot vom EuropeanDemocracyLab ein regelrechtes Feuerwerk und plädierte für ein neues Europa jenseits nationaler Ressentiments: die Europäische Republik.

Ihrer Meinung nach ist Europa inzwischen so zerfahren und "kaputtregiert", dass es eines Neustarts bedarf: Es gehe aktuell nur noch um nationale Interessen und Schuldzuweisungen, Reformen seien nicht mehr möglich, die Vereinigten Staaten von Europa seien gescheitert. Der Vortrag war mitreißend und ungewöhnlich, handelte er doch gleichzeitig von Monstern, Marianne, Jürgen Habermas, Stierhoden, Jakobinermützen, dem männlichen Leviathan, etc. Ulrike Guerot nannte in diesem Zuge auch Europas größte Herausforderungen: Männer und Grenzen, Ökonomen und Juristen. Drei zentrale Forderungen stellt Ulrike Guerot an ein neues Europa: Wahlrechtsgleichheit, Steuergleichheit und gleicher Zugang zu sozialen Rechten. Dabei gehe es ihr nicht um Nivellierung und Gleichmacherei. Zwischen München und Rügen gebe es schließlich auch große Unterschiede, und trotzdem wählen wir alle denselben Bundestag. Und sie erinnerte auch an die zahlreichen unterschiedlichen Fürstentümer und Bismarck und die Diskussion über eine einheitliche Krankenversicherung. Das habe ja 1883 nach zähen Verhandlungen auch funktioniert. Und dass es mit einem neuen Europa einfach werde, das habe ja auch niemand behauptet.

Und dann noch ab in den Orbit mit „Astro_Alex”

"Wenn ihr einen Traum habt, dann lasst ihn euch nicht ausreden!" Letztes Jahr hat Alexander Gerst sechs Monate auf der internationalen Raumstation "ISS" gelebt und gearbeitet. 
Bewusst für die Mission gewählter Name lautete "Blue dot". Nach einem kurzen Blick auf die Erde aus Raumfähre bzw. aus der Raumstation wird einem schnell klar wieseo: Unser blauer Planet ist ultraklein, sehr zerbrechlich und augenscheinlich vollkommen bedeutungslos für das restliche Universum! Das vergessen wir alle leider allzu häufig. Und dabei ist er doch alles was wir haben!

In der Raumfahrt funktioniert die internationale Zusammenarbeit perfekt. Losgelöst von internationalen Krisen. Alle wissen, dass sie nur gemeinsam gewinnen können. Und wenn sie nicht zusammenarbeiten, dann verlieren sie alles. Alexander Gerst hatte als Astronaut, bevor er die Raumstation betrat, 6.000 Stunden (ca. zweieinhalb Jahre) Astronauten-Trainig hinter sich. Überhaupt sind die Kennzahlen im Kontext der Raumstation ISS ziemlich spektakulär: Da baut ein äußerst internationales Team von 100.000 Personen überall auf der Welt Teile für die ISS. Diese Teile sehen sich dann im Orbit das erste Mal, wenn sie zusammengebaut werden und auf ein hundertstel Millimeter passen müssen. Nicht umsonst ist die ISS ist das komplexeste System, das je von Menschenhand geschaffen wurde. Trotzdem kann man sich fragen: Wer bezahlt das eigentlich? Wie teuer ist das denn so und – nicht ganz unwichtig – wer ist eigentlich der Profiteur dieser ganzen orbitalen Forschungsprojekte?

Titelbild Copyright: re:publica/Gregor Fischer