re:publica 14 /// INTO THE WILD

von Nikolas Fleischhauer
09.05.2014

Vom 6. bis 8.5.2014 fand in Berlin mit der re:publica 14 die achte Ausgabe dieser digitalen Konferenz statt. Im Jahr 2007 als Event für Bloggerinnen und Blogger ins Leben gerufen, hat die re:publica sich zu einem weltweit beachteten Festival der digitalen Gesellschaft mit über 6.000 Teilnehmern entwickelt. Neoskop war dabei.

Location, Leute, Themen und Wetter stimmten bereits zu Beginn, als die re:publica 14 mit einem Welcome! der Veranstalter sowie der fantastischen Opening Keynote der beiden führenden Mitglieder der Aktivistengruppe Yes Men mit den Pseudonymen Andy Bichlbaum und Mike Bonanno eröffnet wurde. Die Yes Men sind für politische Kommunikationsguerilla berühmt und berüchtigt. Sie veranstalten im Namen von Regierungsstellen und Konzernen (z. B. Halliburton, ExxonMobil oder US-Handelskammer) viel beachtete Pressekonferenzen, halten in deren Auftrag Vorträge zu aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen, drehen darüber Filme und verfolgen zig weitere Projekte. Natürlich alles Fakes unter Vorspielung falscher Tatsachen und einzig mit dem Ziel, die Öffentlichkeit so auf die realen Misstände und Skandale in Wirtschaft und Politik aufmerksam zu machen. Sie verliehen der achten re:publica von Anfang an auch den politischen Anstrich, der ihr die ganze Zeit über zu eigen war.

Der rote Faden der Veranstaltung war “Freiheit” - nicht nur im Netz - und die wachsende Gefahr, sich diese immer mehr aus den Händen reißen zu lassen und am Ende gar zu verlieren. Das Motto INTO THE WILD sollte vor diesem Hintergrund die Aufforderung der Veranstalter ausdrücken, Dinge einmal anders zu betrachten und anzugehen. Und sich nicht durch Vorgaben und angebliche Dogmen von vornherein beschränken zu lassen. Dementsprechend bestimmte das Thema Freiheit direkt oder indirekt auch viele der Vorträge.

Whistleblowers are Heroes

So beschäftigte sich Elmar Geese in seinem Vortrag “Heroes” mit der Historie des Whistleblowing. Er erinnerte an bekannte und weniger bekannte Begenheiten sowie Whistleblower und Helden, die nicht vergessen werden dürften, wie Herbert Amry, Kathryn Bolkovac oder der ehemalige NSA-Mitarbeiter Russ Tice: Heroes need monuments.

Black to Grey to Black: Lessons From Two Decades of Online Activism

Was können wir aus zwei Jahrzehnten Online-Aktivismus und -Protest lernen? Dieser Frage ging Parker Higgins von der Electronic Frontier Foundation (EFF) im Rahmen seines Vortrags “Black to Grey to Black: Lessons From Two Decades of Online Activism” mit großer Akribie nach und beschrieb dabei u. a. sehr anschaulich den Grey Tuesday: Dabei handelt es sich um den Protest wegen des Verbreitungsverbots des 2004 von DJ Danger Mouse produzierten Grey Album. Auf diesem Mashup-Album wurde das Black Album von Jay-Z mit dem White Album der Beatles gemixt. Per einstweiliger Verfügung versuchte EMI den Verkauf zu unterbinden, nachdem sich ein Verkaufserfolg des Albums abzeichnete. Die Reaktion darauf erfolgte am 24. Februar 2004, als über 150 Websites in einem Akt “elektronischen zivilen Ungehorsams” auf grau eingefärbten Websites das Album zum Download anboten - allein an diesem Tag hatte das Album über 100.000 Downloads. Beinahe sämtliche Website-Betreiber erhielten einstweilige Verfügungen, es wurden jedoch keinerlei Geldstrafen verhängt und das Album wird bis heute zum Download angeboten.

WikiLeaks, Manning and Snowden: From USA to USB

Große Aufmerksamkeit und viel Publikum hatte die beeindruckende Diskussion “WikiLeaks, Manning and Snowden: From USA to USB” mit zwei sehr beeindruckenden Frauen: der britischen WikiLeaks-Journalistin und Assange-Beraterin Sarah Harrison, die Edward Snowden 2013 auf seinem Flug von Hong Kong nach Moskau begleitete, und Alexa O’Brien, die sich im Fall Chelsea Manning als Reporterin einen Namen gemacht hat. Neben der Diskussion über Menschenrechte, zu schützende Quellen und geheime Dokumente, verschafften sie den häufig entfernt wirkenden, teilweise virtuell anmutenden Organisationen und Personen wie WikiLeaks, Assange, Snowden, Manning, etc. Nähe und Realität.

From ACTA to TTIP - Global trade Agreements

Der renommierte Redner mit dem klangvollen Namen James Love (Wow!), u. a. Director des NGO Knowledge Ecology International (KEI), erläuterte in seinem Vortrag “From ACTA to TTIP - Global trade Agreements”, was es mit den zahlreichen bilateralen Handelsabkommen auf sich hat, die aktuell weltweit verhandelt werden, und welchen Einfluss diese auch auf den Zugang zu Wissen und Informationen haben.

Let’s talk about sex baby, let’s talk about PGP

“Let’s talk about sex baby, let’s talk about PGP” war der Titel des Vortrags mit dem die Bürgerrechtlerin Jillian York, ebenfalls von der Electronic Frontier Foundation (EFF), und der Netz-Aktivist Jacob Appelbaum nicht technisch sondern politisch, und mit viel Witz und Verve, über das Thema Privacy aufklärten. Sie zogen Sätzen, wie “Mir ist das mit dem Datenschutz und Privacy alles egal, ich habe doch nichts verbergen …”, den Zahn, und machten deutlich wie wichtig es ist, sich die Konsequenzen seines digitalen Handelns immer wieder bewusst zu machen. “Verschlüsselt Euer digitales Leben”, riefen sie dem Publikum zu. Und sinngemäß: “Denkt auch an die anderen. Wenn Du Dein Telefon mit zu einer Party nimmst, dann kannst Du damit anderen Leuten schaden. Es ist ok, wenn Du es dennoch mitnimmst, aber sei Dir dessen immer bewusst.”

Looking for Freedom

Große, wenn auch sehr unterschiedliche, Auftritte hatten am Nachmittag des ersten Tags noch TheHoff und Deutschlands mahnendes Internet-Gewissen Sascha Lobo.

Der Eine entlarvte sich doch eher als - wenn auch freiheitsliebende und sympathische - PR-Maßnahme eines Herstellers für Antivirus-Software. Und er hatte gar nicht so viel Interessantes oder Neues zu den Themen beizutragen. Aber er fuhr früher dieses hammercoole Auto und immerhin sang er dann am Ende doch noch über Freiheit.

Video zum Vortrag mit Mikko Hypponen und David Hasselhoff:

Rede zur Lage der Nation

Der Andere hat geschimpft, und zwar auch mit der (seiner) Netzgemeinde: Sascha Lobo forderte wesentlich mehr - auch finanzielles - Engagement für das Web und gegen die Einschränkung unserer Freiheit. Und das mit teils sehr deutlichen Worten. Ähnliche Worte fand er auch für die seiner Meinung nach untätige und unbewegliche Bundesregierung sowie Überwachungsorganisationen wie die NSA. Verständlich! Am besten selbst ein Bild davon machen:

Journalismus. Nur besser.

Auch die Frage nach der Zukunft des Journalismus wurde gestellt. Damit befasste sich der Schweizer Journalist und Blogger Constantin Seibt. Seinen Worten nach verfolgen zumindest drei Gruppen den Tod der Zeitungen: PR, Leser und - im Besonderen - die Buchhalter in den Verlagsetagen. Laut Seibt ist die Zeitung eine Maus geworden, die sich mit den Krümeln unter dem Frühstückstisch zufrieden geben muss. Laut einer Umfrage aus den USA lesen zwar noch ca. 30% sogenannte News-Aggregatoren (Huffington Post, etc.) - aber nur noch etwa 1% lesen Zeitung. Heute ist das Abo keine Routine und Selbstverständlichkeit mehr sagt Seibt, es ist eine Ausnahme und ein aktives Bekenntnis.

„Heute abonniert man einfach nicht mehr automatisch bis zum Tod.“

— Constantin Seibt

Eine neue Zeitung fordert er, Zeitung neu gedacht - passend zum Motto der re:publica. Die beste Möglichkeit die schweizerische Zeitunglandschaft zu erneuern, so Seibt mit einem Augenzwinkern, ist es mit einem Sprengstoffgürtel in die Verlegerkonferenz zu laufen. Er meint das nicht ernst. Aber es lohnt sich, auf andere Weise dafür zu kämpfen die Zeitung und den Journalismus zu erneuern. Dabei geht es um eine neue Haltung, nicht nur um billige Meinungen - und es geht um Stil.

Über die ethischen Grenzen von Big Data

In seinem sehr kurzweiligen, amüsanten und interessanten Vortrag “Über die ethischen Grenzen von Big Data” machte Viktor Mayer-Schönberger zunächst deutlich, über welchen Umfang an Daten wir uns unterhalten, wenn wir heute über Big Data sprechen. Natürlich fielen dabei auch Namen wie Google (verarbeitet ein Petabyte Daten am Tag) YouTube (jede Sekunde wird eine Stunde Video hochgeladen) oder Twitter (400.000.000 Tweets am Tag). Und er sprach von einem Teleskop, das 2016 an den Start geht und alleine 200 Terrabyte Daten generiert - alle fünf Tage. Mayer-Schönberger zeigte auf, dass wir uns in nur 15 Jahren von einer rein analogen in eine digitale Gesellschaft verwandelt haben. Und das mit Big Data das Ende des Vergessens eingeläutet worden ist. Die Auswirkungen von Big Data in unserer Gesellschaft sind mannigfaltig und reichen bis an Themen wie “Strafe ohne Schuld” oder “Ende von Verantwortlichkeit” heran. Diese so gezeichneten Bilder weckten nicht grundlos Assoziationen mit dem Film Minority Report aus dem Jahr 2002. Die Conclusio des Vortrags lautete sinngemäß: Am Ende sind Daten nur ein Schatten der Realität - immer ein wenig unvollständig, immer ein wenig falsch. Wir werden im Kontext Big Data immer Demut und Menschlichkeit benötigen!

Brutality and Complexity in the Global Economy

Ein echtes Highlight war der Vortrag “Brutality and Complexity in the Global Economy”. Saskia Sassen, Soziologie-Professorin an der Columbia University, sprach über globale wirtschaftliche Entwicklung. Allein der geschilderte Unterschied zwischen tatsächlich vorhandenem und virtuellem Kapital (quasi der Unterschied zwischen “Banking” und “Finance”) sowie die Entwicklung und Verteilung von Reichtum seit der letzten Finanzkrise warfen viele Fragen auf.

Es lohnt sich definitiv das komplette Video anzuschauen. Saskia Sassen hat genau dazu auch ein Buch über die Harvard University Press veröffentlicht.

Zum YouTube-Channel der re:publica 14.

Titelbild: republica/Gregor Fischer, 07.05.2014 CC-BY-SA 2.0