re:publica 2013 - IN/SIDE/OUT in Berlin

von Kai Nehm
15.05.2013

Bloggerkonferenz, Klassentreffen der Early Adopter, Business Festival, digitaler Kirchentag, keine Beschreibung trifft die re:publica so richtig. Über 5000 Besucher bevölkern die Station Berlin am Gleisdreieck für drei Tage. Sieben Bühnen und vier Workshops bieten selbst für Nischenthemen Platz genug. Es braucht schon einen Dr.Z oder den Hofnarren der digitalen Avantgarde, Gunter Dueck, um die Stage 1 voll zu bekommen. Der Kern der re:publica findet sich im Innen- und Außenhof. Man trifft alte Bekannte oder stellt sich mit Twitternick und Blognamen vor — 'Ach du bist …'.

re:publica 2013 - IN/SIDE/OUT in Berlin

Aber die Stimmung im Hof hat sich geändert. Die oft beschworene Netzgemeinde zerfasert endgültig. Diese Entwicklung ist durchaus positiv, das Publikum wird gemischter. Schlangen vor der Damentoilette waren im Friedrichstadtpalast noch undenkbar, die Zahl der Kinderwagen steigt und Barrierefreiheit wird zunehmend erwartet. Die neue Generation Youtube zeigt auf der Bühne, dass die 'alten' Mechanismen des Web2.0 längst überholt sind.

Längst sind Webdienste für jeden Anwendungsfall akzeptiert, es ist ein kleines Festival der Gadgets. Man sieht 3D-Drucker, Drohnen, Fuelbands, Smartwatches und Lichtfeldkameras. Entweder sind die Geräte direkt dabei oder die App dazu. Nur Google Glass ist als Attrappe vor Ort. Das reicht aber, um die Diskussion zu starten.

Der wohl beste Vortrag, 'die Digital Natives ziehen in den Krieg' zeigt sehr drastisch die Auswirkung eines Lebens mit Onlinediensten. Wer eine Show der hochgerüsteten Drohnen oder die 1000ste Shooter-Diskussion erwartet hatte, wurde enttäuscht. Thomas Wiegold und Sascha Stoltenow zeigten die unterschiedliche Sprache der Propagandavideos, die harte Realität aus Helmkameras, waghalsige Reporter und die Selbstdarstellung der Soldaten auf Social Media Kanälen. Die Kriege der Zukunft werden zunehmend in den Medien ausgetragen, wie auf Zuruf hat Syrien auch am Vorabend des Vortrags das Internet gekappt.

Dieter Zetsche war gut gebrieft in Sneakern vor Ort und wurde entsprechend freundlich empfangen. Wer einen selbsternannten Autonarren für die Moderation auswählt muss wohl mit etwas zu viel Ehrfurcht bei den Fragen rechnen. Aber die zarte Moderation zog sich durch mehrere Panels.

Rühmliche Ausnahme bei der Moderation war Uta Meier-Hahn. Trotz Beteiligung der Telekom gelang es ihr in der Diskussion um die Infrastruktur des Internets, mehr Themen als den Aufreger Drosselung kompetent zu behandeln.

Gunter Dueck hat in einem Jahr den Sprung vom Geheimtipp zur Keynote geschafft, die Presse verleiht ihm dafür den Titel Hofnarr. Sein Humor ist stellenweise etwas direkter geworden, die Vergleiche sind abstrus wie eh und je. Er weiß genau, dass Dinge wie das 'Menschenbild der Zahpastatube' hängen bleiben. Er ruft zum Metadiskurs in der Gesellschaft auf und fordert, sich mit dem Menschenbild des Gegenüber zu beschäftigen statt die immer wieder gleichen Streitigkeiten öffentlich auszufechten.

Machen. Hat Lobo gesagt.

Titelbild: (cc) Gregor Fischer I re:publica 2013