Magnolia-Konferenz 2015 – Alle Macht dem Frontend

von Maik Jablonski
15.06.2015

Die Magnolia-Konferenz 2015 markiert mit der Veröffentlichung der 5.4er-Version als Beta einen wichtigen Wendepunkt in der 13-jährigen Entwicklungsgeschichte des Schweizer Content-Management-Frameworks. Während vorangegangene Veröffentlichungen immer durch zahlreiche zusätzliche Features glänzten, reduziert Magnolia 5.4 erstmalig die unterstützte Funktionalität.

Magnolia-Konferenz 2015

Das sogenannte "Standard Templating Kit" (STK) wird als "CMS out of the box" mit komplexen Front- und Backend nicht mehr aktiv weiterentwickelt, sondern durch ein "Magnolia Templating Essentials" (MTE) ersetzt. Hiermit positioniert sich Magnolia stärker als zuvor als universelles "Operating System for Digital Initiatives", wie Pascal Mangold und Boris Kraft in ihrer Keynote betonten.

Um die Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen, braucht es den Blick zurück: das "Standard Templating Kit" wurde vor einigen Jahren insbesondere aus marketingtechnischen Gesichtspunkten in das Magnolia-Ökosystem eingeführt, um bereits im Standardumfang wie die Mitbewerber ein fertiges CMS mit zahlreichen Features bieten zu können. Dabei bietet das STK zahlreiche Seitentemplates und Content-Module, die alle auf einem HTML- und CSS-Gerüst beruhen, das deutlich in die Jahre gekommen ist. Die Frontendentwicklung hat in den letzten Jahren insbesondere vor dem Hintergrund responsiver Websites rasant an Fahrt aufgenommen, so dass das umständliche und langwierige Anpassen und "Verbiegen" von veralteten HTML- und CSS-Strukturen einem modernen Anspruch an das Frontend einer Website nicht mehr genügt, insbesondere dann, wenn die anvisierten Kommunikationsziele sich nicht den Restriktionen eines CMS unterordnen sollen.

Neoskop hat deshalb seit jeher vor dem Hintergrund des kreativen Spielraums von Konzept, Design und Frontend auf die Verwendung des STKs verzichtet und vor dessen Einsatz auch immer wieder gewarnt: das "Standard Templating Kit" ist nicht mehr und nicht weniger als ein einfaches "Sample Templating Kit", was beispielhafte Features einer Website auf Basis von Magnolia im Front- wie im Backend demonstriert. Während viele Entscheiderinnen und Entscheider im IT-Umfeld durch das unglückliche Wort "Standard" dazu verleitet wurden, das STK für ein Magnolia-Projekt als gesetzt zu betrachten, wäre dies bei der Namensgebung "Sample" sicher genau das Gegenteil gewesen. Historisch interessant ist der Umstand, dass im Moment häufig CSS-Komponenten-Frameworks wie Bootstrap oder Foundation als "Standards" für das Frontend betrachtet und für die Entwicklung eingefordert werden. Die Zeit wird zeigen, ob sich nicht auch hier Geschichte wiederholt und offensichtlich wird, dass Frontend-Prototyp-Werkzeuge keine nachhaltige Grundlage für Projektumsetzungen mit hoch individuellem Kommunikionsziel darstellen.

Magnolia macht es als Plattform bereits jetzt schon für Entwicklerinnen und Entwickler fantastisch einfach, ein projektspezifisches Frontend zu entwickeln und mit nur minimalen Anpassungen in Magnolia zu verbauen, so dass die Idee, einen komplexen Standard aufwändig und mit mehr oder weniger einschneidenden Einbußen an die geplante Funktionalität anzupassen, zunehmend absurd erscheint. Nicht ganz überraschend war deshalb auch die auf der diesjährigen Konferenz offen vorgetragene Kritik am STK bzw. die Demonstration von alternativen Ansätzen der CMS-orientierten Frontendentwicklung für Magnolia. So zeigte z.B. Rami Enbashi, wie ein beliebiger HTML-Prototyp in wenigen Minuten mit einem selbst-entwickelten browserbasierten Werkzeug in entsprechende Magnolia-Komponenten übersetzt und mit einem Klick in ein laufendes Magnolia-System integriert werden konnte.

Mit der Version 5.4 hat Magnolia nun auch erkannt, dass das Rennen gegen das schnelllebige Frontend nicht zu gewinnen ist. Die Entscheidung, sich aus dem Thema "Website-Frontend" weitgehend zurückzuziehen und durch das "Magnolia Templating Essentials" als CMS-Hersteller nur noch essentielle Templating-Funktionalitäten und darauf basierende Beispielimplementierungen zur Verfügung zu stellen, ist der erste Schritt, aus dem vormaligen "Magnolia CMS" zunehmend mehr eine "Digital Business Platform with a CMS at it's Core" (Magnold / Kraft) zu machen. Damit kann Magnolia auch mehr Ressourcen in die Entwicklung der Business-Plattform in Form von Schnittstellen und Integrationsmöglichkeiten investieren und muss sich nicht im Wettbewerb um ein überladenes "Fast-Food-CMS" für die kleine Kneipe am Ende der Straße aufreiben.

Mit der Einführung des "Magnolia Templating Essentials" führt Magnolia auch ein neues Konfigurationsmodell für die Entwicklung von Seiten, Komponenten und dazugehörigen Dialogen ein: neben der für Entwicklerinnen und Entwickler etwas umständlichen JCR-basierten Konfiguration erlaubt es Magnolia 5.4 endlich, diese Konfigurationen in einfachen Text-Dateien im leicht lesbaren YAML-Format vorzunehmen. Dadurch ist es direkt im Frontend ohne eine Zeile Java-Code möglich, einen kompletten CMS-Prototypen auf Basis von Magnolia zu entwickeln.

Da aber diese Art der textbasierten Konfiguration genauso statisch wie die vormalige JCR-Konfiguration ist, sind wir froh, dass Magnolia zukünftig auch das Blossom-Framework unterstützen und weiterentwickeln wird: das Magnolia-Blossom-Modul erlaubt auf Basis des Spring Web-MVC-Frameworks die programmatische und dynamische Konfiguration von Seitentypen, Komponenten und Dialogen und ermöglicht so z.B. adaptive User-Dialoge in Abhängigkeit von Rechten und Kontexten. Damit ist Magnolia auch weiterhin bestens für die Entwicklung im Enterprise-Umfeld gerüstet, wo personalisierte - und damit aus Sicht des Redakteurs auf die wesentlichen Aspekte reduzierte - Dialoge essentiell sind. So kann die Nutzerfreude für die Redakteuere in der täglichen Arbeit mit Magnolia dauerhaft gesteigert werden.

Bilder: Sebastian Stang, Magnolia International Ltd.