Euro IA Amsterdam 2016

von Lisa Umlauft
24.11.2016

Lisa hat sich dieses Jahr auf der EuroIA in Amsterdam rumgetrieben, Europas führender Konferenz für Informationsarchitektur und UX. Neben den verspielten, Post-It-lastigen Workshops kamen die Vorträge immer wieder auf das Thema Internet of Things – und zeigten dabei vor allem viel gesunde Selbstkritik.

„You’re probably not first – but make sure you’re better“

— Koen van Niekerk

Struktur, Struktur, Struktur

Donna Spencer definiert Informationsarchitektur in ihrem Workshop „Introduction to IA“ in drei Schritten:

  • Dinge organisieren
  • Dinge beschreiben
  • Dinge an den Mann bringen

Was einfach klingt, wird schnell komplex: Navigationen, Hierarchien, Kategorien, Content... den Überblick behält man mit Tabellen und Diagrammen, die im Workshop von den Teams grob angerissen werden sollen. Das Thema: Essen. Die gefundenen Kategorien und Gruppierungen: in jedem Team anders. Das liegt daran, dass Kategorien Denkkonzepte sind, die sich auch mal ändern und stark abhängig sind von eigenen Erfahrungen.

Um dem Nutzer Komplexität zu ersparen, ist das Durchwühlen und Katalogisieren die Aufgabe des Informationsarchitekten. Aus dem Workshop wird klar: in einem guten Team und mit Hilfe von User Testing kann diese eher nüchterne Aufgabe durchaus Spaß machen! 

Objekt-Orientierte UX

Sophia Voychehovski stellt in ihrem Workshop „Object-Oriented UX“ einen innovativen Weg vor, Content zu strukturieren. Grundlage hierfür liefert die objektorientierte Programmierung: komplexe Systeme bestehen aus verschiedenen Objekten (Keksausstecher), deren jeweilige Instanzen (Kekse) alle ähnliche Eigenschaften haben. Designer sollen sich so an die Denkweise der Nutzer annähern, denn Menschen denken in Objekten: die ersten Worte, die Kinder lernen, sind Substantive, und Nutzer denken in Objekten, nicht in Features.

So ein Objekt enthält folgende Daten:

  1. Hauptcontent („Me! Me! Me!“), üblicherweise Fotos oder Texte
  2. Metadata (Filter, Tags...)
  3. Calls to Action
  4. UI (Interaktionselemente zur „Manipulation“ des Contents)
  5. „Nested Objects“ (Verweise auf andere Objekte)

Beispiel: In einer App zum Erstellen und Abspielen von Playlists ist ein Song ein Objekt. Er enthält:

  1. Die eigentliche Datei, Titel, Dauer
  2. Interpreten, Album, Playlists
  3. „Abspielen/Pause“, „Zur Playlist zufügen“
  4. „Vorspulen“
  5. Ähnliche Songs

Am besten ist diese Methode für Systeme mit vielen Seiten, die sich gut zusammenfassen lassen, beispielsweise Shops oder soziale Netzwerke. Nützlich ist sie vor allem, um konsistent zu bleiben – aber trotzdem vor lauter Objekten die eigentliche Website nicht zu vergessen.  

„Individually interesting, culturally devastating“

— Thomas Wendt über eine App, die trackt, ob man sein Baby im Auto vergessen hat

Utopie oder doch nur das gescheiterte Start-up – Die Keynotes

In den Keynotes geht es dieses Jahr vor allem um Privatsphäre und die kulturellen Implikationen smarter Geräte. Lutz Schmitt zum Beispiel sagt, dass Privatsphäre verschiedene Dinge bedeuten kann:

  • Gewählte Einsamkeit
  • Intimität
  • Anonymität
  • Distanziertheit
  • Pseudonyme

Soll das Internet of Things erfolgreich sein, muss Privatsphäre der Defaultzustand sein, nicht die komplizierte Ausnahme. Nutzer müssen die volle Kontrolle behalten, welche Identität (kontextabhängig, öffentlich, privat, pseudonym) sie welchen Geräten offenlegen.

Thomas Wendt bietet einen philosophischen Blick auf modernen Umgang mit Technologie. Wichtig sei nicht nur Innovation, sondern ein Blick über den Tellerrand: Was für Konsequenzen haben unsere Innovationen? Wie können sie nachhaltig sein? Denn nur, wenn Designer und Entwickler ihre Handlungen und Konzepte kritisch hinterfragen, sind sie auch in der Lage, zukunftsträchtige Systeme zu bauen.

Allgemein lassen die Vorträge aber einen optimistischen Blick in die Zukunft zu. Prall gefüllt mit viel Humor („Moo or Boo: Insights from an Internet of Cows“) und Lösungen konnte jede Keynote überzeugen.

Nächstes Jahr in Stockholm

Die EuroIA hat uns restlos überzeugt. Sie ist der Beweis, dass auch vermeintlich langweilige Themen sexy sein können, und wir freuen uns schon darauf, nächstes Jahr noch mehr Diagramme zu zeichnen, Strukturen zu überdenken und die Welt zu verändern!

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