Entwickelt in Versionen

von Marcel Otten
08.02.2012

In der Software- und Spieleentwicklung ist es üblich, den Fortschritt eines Projekts in Versionsnummern auszudrücken. Nummerierungen sind zwar nicht einprägsam, sie helfen aber beispielsweise beim Austausch an der Supporthotline ungemein. Und bei einem anstehenden Softwareupdate verrät der Versionssprung, wie groß die Neuerungen wohl sein werden, die es mit sich mitbringt.

Die Dynamik des Webs

Für die Softwareentwicklung bedeuten Versionsnummern eine gewisse Planbarkeit: Neue Funktionen und ausstehende Fehlerbehebungen lassen sich künftigen Releases zuordnen. An diese können wiederum feste Termine geknüpft werden.

Bei Webprojekten hingegen wird während der Entwicklungszeit meist auf große Releases hingearbeitet. Diese hören dann auf wohlklingende Namen aus dem Dschungelbuch oder werden nach südamerikanischen Schlangenarten benannt. Sind alle Meilensteine erreicht, geht das Projekt ins Netz. Bis zum nächsten Relaunch in drei bis fünf Jahren ändert sich neben den eigentlichen Inhalten dann oft nur noch wenig. Das widerspricht jedoch der Natur des Netzes, das sich ständig neu erfindet.

Vor drei Jahren hatte Facebook noch rund 650 Millionen Nutzer weniger, Internet Explorer 6 und 7 liefen auf jedem dritten System und der "Tweet" stand noch nicht im Duden. In den letzten drei Jahren hat das Web riesige Sprünge gemacht. Und damit die Erwartungen der Nutzer gleich mit.

Ein wichtiger Aspekt, der die technische Entwicklung des Internets wesentlich beschleunigt hat, ist die geänderte Updatepolitik vieler Browserhersteller. Google Chrome hat es vorgemacht, Firefox zog mit und auch Microsoft will sein Vorgehen nun anpassen: Aktualisierungen kommen in immer kürzeren Zyklen und installieren sich selbständig im Hintergrund, ohne dass der Nutzer aktiv werden muss. Will er dies nicht, und sich damit gegen die Unterstützung neuer Technologien stellen, muss er nun aktiv eingreifen; Opt-out statt Opt-in.

The Verge

Das im November gestartete US-Newsnetwork The Verge dokumentiert seine Entwicklungen seit Beginn an versionsbasiert. Die Chronik des Projekts, und damit auch die Zeit, in denen keine Weiterentwicklung stattfindet, ist damit für jeden nachvollziehbar. Diese geschaffene Transparent bringt sicherlich sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.

Neben einer Verlinkung im Footer wurde auch im Meta-Forum des Networks ein Beitrag veröffentlicht, in dem auf die einsehbare Entwicklungsgeschichte hingewiesen wird.

Entwicklungsprozesse anpassen

Mit einem Blick in die experimentellen Vorschauversionen von Chrome, Firefox & Co., lassen sich heute Technologien ausprobieren, deren breite Unterstützung wir in den nächsten Monaten und Jahren erfahren werden. Viele Funktionen können bereits verwendet werden, ohne dass sie bei einem veralteten System, dass diese nicht unterstützt, stören würden. Andere lassen sich vorrüsten und in einigen Monaten oder wenigen Jahren aktivieren, sobald der Browsermarkt einen Einsatz zulässt. Ein Umdenken hin zu einer stetigen Entwicklung, von Version zu Version, ermöglicht dies.

Das Web kann von dem Selbstverständnis der klassischen Softwareentwicklung - ein Produkt stetig weiterzuentwickeln - viel lernen. Es ist einfach zu schnelllebig geworden, um Projekte nur alle paar Jahre anzupassen. Dies erfordert sicherlich auch ein Umdenken in der Planung und eine Umverteilung von Budgets, die bisher eher punktuell statt kontinuierlich eingesetzt wurden. Sich mit dem Erreichten nicht zufrieden zu geben und Ausschau nach den nächsten Zielen zu halten bringt jedoch auch die Chance, flexibler reagieren und einen Schritt voraus sein zu können. Egal, ob neue Anforderungen von außen kommen oder sich interne Vorstellungen geändert haben.

Titelbild: The Verge